journal 01
führen
13. oktober 2026
5 minuten
akzeptieren und mitgehen.
Vor Kurzem wurde ein Gespräch über ein Vorhaben sehr privat, und ich habe meine Geschichte erzählt, statt zu raten, was helfen könnte. Zugegebenermaßen ist eine Geschichte keine Evidenz, trotzdem kann sie inspirieren. Für alles andere gibt es professionelle Unterstützung, und ich würde mir nicht anmaßen, damit zu konkurrieren.
die beobachtung
Es geht um einen Gerichtsprozess, der mich fünf Jahre lang emotional stark beansprucht hat, um drei Jahre, in denen ich lernen durfte, zu mir zu stehen, und um eine Regel aus der Luft, die seitdem für mich überall gilt.
Mein Gesprächspartner trägt Verantwortung für viele Menschen, und er beschrieb einen Zustand, den ich aus eigener Erfahrung kenne: Der Antrieb fehlt, eine Perspektive ebenso, und über das, was er fühlt, kann er nicht sprechen, weil er es selbst nicht genau weiß. Ich habe ihm in dem Gespräch keinen Rat gegeben, weil ich mir das nicht anmaßen würde. Ich habe erzählt, wie es bei mir war, und hatte dabei den Eindruck, dass ihn gerade das inspiriert hat.
Der Prozess mit einem ehemaligen Kunden hat fünf Jahre gedauert, bis 2021, und mich einen sechsstelligen Betrag gekostet; was er mich darüber hinaus gekostet hat, lässt sich nicht beziffern, weil er in dieser Zeit ständig präsent war. Ich habe mich gewehrt, mit allem, was mir zur Verfügung stand, und dabei lange nicht verstanden, dass ich auf den Ausgang keinen Einfluss hatte. Einfluss hatte ich nur darauf, wie viel von mir dieser Prozess bekommt.
Die zweite Krise war eine innere: drei Jahre, in denen sich im Privaten vieles verändert hat und in denen ich gelernt habe, zu mir zu stehen. Ich schreibe „durfte“, weil ich diese Zeit heute als Geschenk verstehe, auch wenn sie sich damals nicht so angefühlt hat.
Die Regel, die mir dabei am meisten geholfen hat, habe ich 2023 auf Lanzarote gelernt, am Staudamm von Mala, von meinem Fluglehrer. Ein Gleitschirm bewegt sich in unruhiger Luft, und der Körper will dagegenhalten. Wer das tut und gegen jede Bewegung steuert, verstärkt sie, sodass es häufig nur schlimmer wird; wer den Schirm fliegen lässt und mitgeht, bekommt ihn ruhig. Mein Fluglehrer hat das so oft wiederholt, bis ich es über das Verstehen hinaus auch gespürt habe: Ich muss die Umstände in der Luft akzeptieren und mit ihnen arbeiten, weil ich gegen sie nicht gewinnen kann. Es war eine der härtesten Lektionen meines Lebens, und sie gilt seitdem für mich überall.
An diesem Staudamm hatte ich zum ersten Mal seit Jahren eine vollkommen klare emotionale Verbindung zu mir selbst, und das war anstrengend, weil es immer viel schwerer ist, ehrlich zu sich zu sein als zu anderen. Akzeptieren bedeutet für mich seitdem, keine Kraft mehr gegen etwas zu richten, das sich dadurch nicht ändert, und sie stattdessen dort einzusetzen, wo sie etwas bewirkt. Wie ich heute arbeite, ist die direkte Folge dieser beiden Erfahrungen: keine Vereinbarung ohne Prüfung, kein Konflikt, in den ich mehr gebe, als er verändern kann, und ein Nein, bevor ein Vorhaben stehen bleibt.
die zahlen
Dass mein Gesprächspartner kein Einzelfall ist, lässt sich belegen, auch wenn die Erhebungen dazu nicht einheitlich sind: In einer Befragung von tausend Führungskräften in Deutschland im Dezember 2023 gaben 61,6 Prozent an, sich in den vorangegangenen drei Monaten erschöpft gefühlt zu haben.1 Das Fliegen, das mir geholfen hat, ist dabei kein harmloser Ausgleich, und das sollte man wissen, bevor man es als Empfehlung liest: 2024 wurden dem Verband 385 Unfälle und Störungen deutscher Gleitschirmpiloten gemeldet, zehn davon tödlich.2 Gerade deshalb taugt es als Schule für das Akzeptieren, weil die Luft jeden Widerstand sofort und unmissverständlich beantwortet. Meine eigenen Zahlen sind klein, und trotzdem sind es die, auf die es für mich ankommt: fünf Jahre Prozess, drei Jahre Weg.3 Die drei Jahre haben mir mehr gegeben, als mich die fünf gekostet haben.
was daraus folgt
Wenn Sie Verantwortung tragen und sich in dieser Beschreibung wiederfinden, dann möchte ich Ihnen zuerst sagen, dass Erschöpfung ein Zustand ist und dass Zustände sich verändern lassen. Vier Dinge haben mir dabei geholfen, und ich schreibe sie auf, weil ich sie damals gern gelesen hätte. Was folgt, habe ich für mich gefunden, ohne zu behaupten, dass es bei jedem wirkt.
Erstens, zu den eigenen Gefühlen zu stehen. Damit meine ich, sie zu benennen, zuerst für sich selbst, weil derjenige, der nicht weiß, dass er Angst hat, aus dieser Angst heraus entscheidet und es nicht bemerkt.
Zweitens, sich abzugrenzen. Nicht jede Erwartung ist ein Auftrag, und ein ruhig ausgesprochenes Nein ist eine Führungsentscheidung, weil es festlegt, wofür die eigene Kraft eingesetzt wird.
Drittens, ruhig und sachlich zu sprechen, auch über das, was wehtut. Ein Satz, der beschreibt, statt vorzuwerfen, lässt dem Gegenüber die Möglichkeit, mitzugehen, und das gilt in der Geschäftsführung genauso wie am Küchentisch.
Viertens, etwas zu tun, das einen zwingt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Für mich ist das der Gleitschirm, weil er keine Ablenkung zulässt und jeden Widerstand sofort beantwortet. Es muss nicht das Fliegen sein; es muss etwas sein, bei dem man sich nicht belügen kann.
quellen
- 1 auctority gmbh mit civey, „erschöpfung bei führungskräften“, online-befragung von 1.000 führungskräften im dezember 2023, freiburg, februar 2024, https://www.auctority.net/wp-content/uploads/2024/02/AUCTORITY-Studie-Erscho%CC%88pfung-bei-Fu%CC%88hrungskra%CC%88ften_2024.pdf
- 2 karl slezak, „gleitschirm-unfallstatistik 2024“, dhv-magazin 256, 2025, s. 42, https://www.dhv.de/media/seiten/02_Sicherheit/Unfaelle/Dateien/Unfallstatistik/Gleitschirm/2024_Unfallstatistik_GS.pdf
- 3 eigene zahlen
patrick dornbusch ·
13. oktober 2026
widerspruch und ergänzungen an
befund@patrickdornbusch.de